Burnout ist ein Kontinuum. Hochtouren ja, aber nicht auf Dauer.
Höchstleistung auf den Punkt ist möglich, wenn der Motor danach wieder abkühlen darf. Auf der Langstrecke braucht es beides: Fokus und Entspannung.
Läuft die Uhr ohne Pause weiter, wird aus kurzer Überhitzung ein Schaden. Wie Überlastung entsteht, warum Resonanz der unterschätzte Faktor ist und weshalb der beste Zeitpunkt für Coaching lange vor Aufleuchten der Warnlampe liegt.
- 1Sich beweisen
- 2Mehr Einsatz
- 3Bedürfnisse zurückgestellt
- 4Konflikte verdrängt
- 5Rückzug
- 6Probleme verleugnet
- 7Körpersymptome
- 8Gereiztheit, Taubheit
- 9Kraft lässt nach
- 10Innere Leere
- 11Depression
- 12Erschöpfung
Burnout als Prozess verstehen, nicht als Schublade
Wenn der Motor überhitzt.
Krankenkassen brauchen Schubladen, um Fallpauschalen zu definieren und abzurechnen. Auch die Forschung braucht Kategorien, um Wirksamkeit zu messen. Ob Burnout eine eigenständige Diagnose oder eine überlastungsbedingte Depression ist, spielt in der Praxis bestenfalls für die Abrechnung eine Rolle. Für dich als Betroffene:n ist der Name der Schublade egal. Wenn du also etwas über Depression liest, geh zunächst davon aus, dass es auch für Burnout relevant sein könnte.
Aus Sicht der Betroffenen ist das Wechselspiel zwischen Fokus und Entspannung aus dem Gleichgewicht geraten. Warnsignale der Überlastung wurden so lange ignoriert, dass die Sensitivität dafür teilweise oder vollständig verloren gegangen ist. Die Selbstregulation, das Self Mind Management, korrodiert. Neben der Belastung spielt dabei der Resonanzverlust eine zentrale Rolle. Gedanken wie „Warum tue ich das hier eigentlich?“ oder „Egal was ich tun werde, es wird Ärger geben!“ beschleunigen den dysfunktionalen Effekt.
Natürlich ist es nicht so, dass du gestern gesund warst und morgen aus heiterem Himmel krank aufwachst. Der Motor ist so lange ungebremst auf Hochtouren gelaufen, bis sich die Überhitzung deutlich bemerkbar macht. Die Burnout-Agenda beschreibt, wie dieser Prozess ungefähr aussieht:
Fuß voll auf dem Gas
Verstärkter Einsatz, mehr Tempo, mehr Verantwortung. Kann und darf eine gewisse Zeit lang sein. Kritisch wird es, wenn daraus ein Dauerzustand wird.
Vernachlässigung und Verdrängung
Eigene Bedürfnisse, Erholung, Beziehungen treten zurück. Warnsignale werden ignoriert, die Sensitivität dafür geht teilweise oder ganz verloren.
Verflachtes Leben, Widerstand
Produktivität, Kreativität und Selbstwirksamkeitsvermutung sinken. Werte und Lebenspläne werden umgedeutet. Vor allem der Beruf bleibt übrig, und man kämpft noch mehr um Resonanz, die dort nicht mehr erreichbar ist.
Erschöpfung
Kurz vor zwölf. Wie sie sich äußert, ist vielfältig: depressive Symptome, Angst, Sucht, psychosomatische Beschwerden wie Schmerzen, Hautreaktionen oder Tinnitus. Der Weg zurück ist jetzt deutlich länger.
Jedes idealtypische Phasenmodell ist nur eine Annäherung an das individuell Erlebte. Als grobes Maß, wo du gerade stehst, ist es aber hilfreich. Je näher die Uhr auf zwölf geht, desto länger dauert der Weg zurück, und dieser Zusammenhang ist keineswegs linear. Komplexe Systeme, und der Mensch mit seinem Gehirn ist ein außerordentlich komplexes System, bleiben meist sehr lange stabil, bevor sie an einen Kipppunkt gelangen. Eine Motorüberhitzung braucht wenig Zeit und Eingriff, ein Motorschaden hingegen schon. Klar ist: Proaktiv vom Gas zu gehen lohnt sich. Aber wer sich an den Bleifuß gewöhnt hat, tut sich damit schwer.
Positives Resonanzerleben aus der Vergangenheit kann „süchtig“ machen. Wenn Identität und Selbstdefinition stark mit Resonanz in der Arbeit verbunden sind, fühlt sich Stoppen oder Pausieren schwer bis unmöglich an. Und nach zehn Jahren Überlastung begegnet mir in der Praxis sehr häufig die Vorstellung, dass ein oder zwei Wochen doch nun genug sein müssten. Wenn der Prozess der Entschleunigung intelligent gestaltet wird, lässt sich seine Dauer deutlich verkürzen. Das hat aber Grenzen. Wer den Motor immer wieder zu früh startet, treibt die Schädigung weiter voran.
Psychisch krank oder einfach zu wenig belastbar?
Vom Stigma psychischer Erkrankungen.
Wenn ein Muskel verletzt wird, verliert man an Autonomie: Dinge fallen schwerer oder gehen zeitweise gar nicht. Psychische Verletzungen wie Burnout lassen sich genauso betrachten. Was als ausreichend funktional gilt, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch, beim Körper wie bei der Psyche. Aaron Antonovsky ersetzte 1979 die Schwarz-Weiß-Unterscheidung von Gesundheit und Krankheit durch ein Gesundheits-Krankheits-Kontinuum und prägte den Begriff Salutogenese: „Wir sind alle sterblich. Ebenso sind wir alle, solange noch ein Hauch von Leben in uns ist, in einem gewissen Ausmaß gesund.“
Folgerichtig darf und kann die Arbeit an der eigenen Belastung nicht erst beginnen, wenn ein pathologischer Zustand gemäß Schublade erreicht ist. Vorsorge im Sinne proaktiver Regulation und die Optimierung erlebter Zustände sind ein natürlicher Bestandteil meiner Arbeit entlang dieses Kontinuums. Es gibt kein digitales gesund/krank. Statt allein Defizite zu beseitigen, erhält die kontinuierliche Pflege von Ressourcen und Potenzialen vergleichbare Bedeutung. Ein ausgeglichener Mensch ist weniger verwundbar, weniger rückfallgefährdet und resilienter als ein unglücklich gestresster. Genau das ist der Auftrag von Coaching: im richtigen Maß und Moment Gas oder Bremse zu aktivieren, um langfristig leistungsfähig zu bleiben.
Viele gehen wie selbstverständlich davon aus, dass unser Kopf immer reibungslos und am besten auf Höchstleistung funktioniert. Wenn nicht, muss die Schuld wohl bei uns liegen. Schuld kommt meist in Begleitung von Scham, in Organisationen auch mit Stigmatisierung. Während wir unserem Geist wenig verzeihen, sieht das beim Körper anders aus: Wir trainieren, ernähren uns bewusst, gehen ohne Scham zum Arzt, tragen Gips. Unser Gehirn ist Bestandteil eben dieses Körpers. Ungefähr jede:r Dritte wird im Leben an einer ernsteren psychischen Problematik leiden. Wir reden also nicht über ein Randproblem.
Wenn ich Depressionen habe, sind vereinfacht gesagt Botenstoffe im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten. In einem Organ mit rund 86 Milliarden Nervenzellen und über 100 Billionen Synapsen ist sowohl das Messen als auch das Beheben von Ungleichgewichten ein ungenauer Prozess. Deshalb wirken Psychopharmaka nicht immer wie gewünscht, und das ist kein Plädoyer gegen sie: Bei fast allen Indikationen erzielt die Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie die beste Wirksamkeit. Wenn wir uns das Gehirn als Muskel vorstellen, muss dieser Muskel trainiert werden. Ist er verletzt, braucht es die kombinierte Therapie.
Wie entstehen Verhärtungen und Erkrankungen?
Das biopsychosoziale Modell.
Der Mensch als komplexes System befindet sich in ständiger Wechselwirkung mit seiner Umgebung. Das biopsychosoziale Gesundheitsmodell ist das Modell, mit dem sich universell alle psychischen Erkrankungen erklären lassen. Es besteht aus drei Bereichen, die miteinander in Wechselwirkung stehen:
Soziale Umwelt
Der Mensch steht in ständiger Wechselwirkung mit seiner Umgebung. Die Systemtheorie betrachtet vor allem die Verknüpfungen zwischen den Elementen, weniger die Elemente selbst. Diese Verknüpfungen bilden Muster mit starker Wirkung. Die Organisation, in der du arbeitest, aber auch deine Familie können Ressource oder kritischer Belastungsfaktor sein. Genau hier setzt systemisches Coaching an.
Biologie
Jeder Mensch bringt eine genetische Ausstattung mit. Die Epigenetik zeigt, dass die Regulation der Gene wiederum von der Umwelt beeinflusst wird. Zwillingsstudien belegen für nahezu alle psychischen Störungen einen Einfluss des Erbguts, vor allem im Sinne der Vulnerabilität. Diagnosen bei direkten Verwandten sind deshalb für Prävention und Therapie relevant.
Psychologie
Einstellungen, Fähigkeiten, Problemlösungsmuster und Persönlichkeit führen zu mehr Resilienz oder mehr Verletzlichkeit. Die Wahrnehmung deiner Realität ist immer auch ein Konstruktionsprozess: Was sehe ich als Gefahr, was als Chance? Hier entstehen dysfunktionale Muster, und ihre Veränderung ist der Kern der Kognitiven Verhaltenstherapie.
Auch die Schnittstellen zwischen den Bereichen sind relevant. Systemisches Coaching, Entspannung und der Baustein Sport können diese Faktoren maßgeblich beeinflussen, insbesondere wenn sie nicht standardisiert, sondern individuell konfektioniert werden. Wer die Ursachen versteht, gestaltet die richtigen Lösungsbausteine zielgenauer.
Wann ist Stress positiv, wann negativ?
Und was Emotionen damit zu tun haben.
Emotion lässt sich vereinfacht als Erhöhung des Aktivitätsniveaus definieren. Wenn wir erschrecken, lieben, genießen, ist dieses Erleben immer auch intensives Erleben. Zahlreiche Studien belegen, dass die Bewertung von Anspannung ein verblüffend beeinflussbarer Prozess ist: Im Gehirn sind unterschiedliche Areale für Erregung und für Bewertung zuständig. Wir sind uns nicht sicher, was unsere Anspannung bedeutet, sondern konstruieren die Bedeutung situativ. Ein Mechanismus, den wir uns in Coaching und Therapie zunutze machen.
Anspannung ist also per se nicht negativ. Zu wenig davon geht mit wenig Antrieb und Motivation einher. Der sogenannte Flow entsteht beim optimalen Maß an Erregung. Bis zu diesem Scheitelpunkt spricht man von positivem Stress (Eustress), danach von negativem Stress (Distress). Yerkes und Dodson haben diesen Zusammenhang als Kurve dargestellt:
Flow fesselt uns, weil es eine Art Grenzerleben ist. Und da Emotion Dünger für das Gehirn ist, wollen wir das wiederholen. Am Scheitelpunkt fällt man aber leicht auf der falschen Seite hinunter. Dort ab und an zu sein ist kein Problem. Sich dort sehr oft und langfristig aufzuhalten hingegen schon. Stress ist ein Notfallprogramm des Körpers: Blut wird in Arme und Beine geleitet, Blutdruck und Puls steigen, höhere Hirnfunktionen treten zugunsten instinktiver Reaktionen zurück, das Immunsystem wird heruntergeregelt. Ausgelöst vor allem durch Adrenalin und Cortisol.
Dauerhaft in Alarmbereitschaft zu sein macht krank und ist in der Regel der wesentliche Mechanismus hinter Burnout. Stress wirkt sich häufig auf den Schlaf aus und begünstigt über erhöhten Blutdruck oder ein geschwächtes Immunsystem eine Vielzahl weiterer Erkrankungen. Wer keinen erholsamen Schlaf mehr findet, erlebt mehr Stress: ein Teufelskreis. Deshalb ist die Arbeit an Schlaf und personalisierter Entspannung fester Bestandteil des Konzepts.
Organisationen: Ohne Resonanz ist alles nichts
Im beruflichen Kontext und in der Gestaltung von Organisationen wird der Fokus meist zu einseitig auf Belastung und Leistung gelegt. Der Soziologe Hartmut Rosa bringt einen weiteren Faktor ins Spiel: Technologische Hilfsmittel und die Art unseres Wirtschaftens beschleunigen Gesellschaft immer weiter. Je verfügbarer Dinge und Menschen sind, umso besser. Smartphone und KI machen diese Verfügbarkeit erst möglich und werden so von einer Alltagserleichterung zu einer Alltagsbelastung. Der Erfolg von heute wird zur Hypothek von morgen: Ein außerordentliches Vertriebsergebnis wird zur Grundlage für das folgende Jahr. Dass man nach großem Einsatz auch mal kürzertreten dürfte, hat im Höher-Schneller-Weiter keinen Platz.
Beschleunigung und wachsende Komplexität führen zu fortschreitender Entfremdung, zum Verlust von Resonanz. Menschen in Organisationen geraten immer häufiger unverschuldet in Situationen, in denen positive Resonanz für die eigene Tätigkeit gar nicht mehr möglich ist. Dieser Mangel an Resonanz ist ein in der Praxis systematisch unterschätzter Belastungsfaktor.
Ein Beispiel aus meiner Zeit als Leiter des Bereichs Industrial Processes bei einem internationalen Anlagenbauer und Serviceprovider, wo ich auch für EHS auf den Baustellen zuständig war: Bei einer Notreparatur in Afrika flog ein Team von Ingenieuren sehr kurzfristig an einen Ort mit schwieriger Sicherheitslage und schlechter Infrastruktur. Vor Ort wurde rund zwei Wochen lang 12 bis 14 Stunden am Tag gearbeitet, um die Anlage wieder ans Laufen zu bringen. Zurück im Flugzeug war die Stimmung trotz des erlebten Stresses sehr gut. Man hatte Resonanz erlebt.
Nach der Rückkehr musste ein Fragebogen zur Sicherheit auf der Baustelle ausgefüllt werden. Hier war klar: Egal was man eintragen würde, es würde Ärger geben. Denn die Organisation hatte auf dem Papier Sicherheitsstandards, die in solchen Regionen niemals zu halten waren. 30 Minuten Fragebogen führten dazu, dass die gesamten zwei Wochen vollkommen anders wahrgenommen wurden. Die Organisationssoziologie hat dafür zwei treffende Begriffe: widersprüchliche Rationalitäten und in der Folge unorganisierte Allverantwortlichkeit. Stabsstellen, Finanzen und Linie mit je eigenen KPI und Logiken. Auf der operativen Ebene werde ich gezwungen, mich gegen eine der Logiken zu entscheiden, und muss selbst bei starkem Einsatz mit negativen Konsequenzen rechnen.
Komplexe Organisationen werden immer schwerer steuerbar, und der Reflex ist, mehr Steuerung zu etablieren. Slogans wie „it’s all about people“ oder „total quality management“ dokumentieren diesen Trend: Anspruch auf alles, Verantwortung für nichts. Es entsteht etwas, das sich mit einer Autoimmunerkrankung vergleichen lässt. Die Kontrollinstanzen des Organisationskörpers sind überaktiv geworden, und so wird die Organisation krank, und mit ihr ihre Bestandteile.
Was das für dich als Führungskraft heißt
Drei Konsequenzen ergeben sich aus dem Modell. Und obwohl sich Coaching vom Therapiesetting abgrenzt, verliere ich den Bedarf nicht aus den Augen:
- Der beste Zeitpunkt für ein Coaching liegt lange vor dem Aufleuchten der Warnlampen. Coaching nutzt dieselbe klinische Tiefe wie die Therapie, aber präventiv: Fokus, Resonanzbiotope, Grenzen, Delegation, Selbstführung. Das ist die Arbeit am Kontinuum, bevor es kippt.
- Resonanz ist gestaltbar. Rolle, Positionierung und Umfeld sind kein Schicksal. Systemisches Coaching macht die Muster sichtbar, in denen du dich bewegst, und die Stellen, an denen du sie verändern kannst.
- Wenn die Lampen schon brennen: Zeichnet sich im Prozess ein therapeutischer Behandlungs- oder Klärungsbedarf ab, kläre ich darüber auf und wir besprechen das weitere Vorgehen außerhalb dieses Coaching-Settings. Wenn ein Zustand gekippt ist, braucht es eine Stabilisierung mittels Therapie, wenn nötig und möglich in Abstimmung mit Ärzt:innen. Für einen Rückweg, der den Job bewusst einbindet, um erneute Rückfälle zu vermeiden.
Wo stehst du auf dem Kontinuum?
Das klären wir nicht per Selbsttest, sondern im Gespräch.
30 Minuten, kostenfrei, ohne Schublade.